Feder & Herd

Homepage
» Liquid Größenwahn
  Feder & Herd
February '12



Liquid Größenwahn

with 21 Comments

Zu meiner Verteidigung: Ich wollte nichts zu Liquid Feedback sagen - das tun im Moment wahrlich genug, und mit jedem Beitrag wird es nicht konstruktiver ... im Gegenteil - aber ich tue es dennoch. Liquid Feedback spaltet im Moment die Partei, wie kein anderes Thema zuvor. An sich ist es nicht mal Liquid Feedback selbst, sondern die Art wie damit umgegangen wird.


Ein paar Worte vorweg: Die Piratenpartei braucht ein System wie Liquid Feedback. Ob es nun LF selbst sein muß oder nicht, dass sei dahingestellt. Die Richtung muß aber auf jeden Fall eingeschlagen werden. Weil niemand den Weg wagen wird, wenn wir ihn nicht gehen. Ich garantiere, andere Parteien sehen sich das erst einmal aus der Ferne an. Auch die Grünen. Erst wenn ein System wie Liquid Feedback einige Zeit lang von uns getestet wurde, werden sie es einführen (und dann so tun als hätten sie es erfunden). Wir brauchen etwas wie Liquid Feedback, weil wir angetreten sind andere Politik zu machen. Direktere. Wir brauchen etwas wie Liquid Feedback, da unsere Art Entscheidungen zu treffen, im Moment sehr undemokratisch ist. Gerade weil wir kein Delegiertensystem kennen. Jeder dem es nicht möglich ist zu einem Landes- oder Bundesparteitag zu kommen (Geld, Familie, Arbeit, Krankheit, Sonstwas ...) ist es noch nicht möglich seine Stimme abzugeben. Nicht einmal in dem er einen Delegierten entsendet. Unsere scheinbare direkte Demokratie ist eine Diktatur der Glücklichen, die sich den Besuch eines Parteitages leisten können. Punkt.

Aber damit sind wir auch schon beim Kernthema. Bei dem Punkt, aus dem ich keine Befürworterin von Liquid Feedback sein kann und nicht sein werde.

Wir sind angetreten andere Politik zu machen.

Andere Politik ist nicht ...

... auf dem Bundesparteitag mit jedem nur möglichen Mittel Liquid Feedback als Thema allen Anderen vorzuziehen und es auf Biegen und Brechen durchzuboxen.

Das ist Lobbypolitik. Eine kleine, einflußreiche Gruppe möchte Thema X unbedingt durchbringen und zieht alle Register. Ich meine .. fällt jemandem etwas auf? Ja, Liquid Feedback ist ein tolles Thema. Nein, wir müssen es nicht schon GESTERN eingeführt haben. Die Welt wäre nicht untergegangen. Das für die federführenden hinter Liquid Feedback doch die Welt untergegangen wäre und sie auf Kritik auch massiv beleidigt reagieren, zeigt, dass hier nicht die Sache im Vordergrund steht, sondern das Ego. Wenn Jemandes Ego die Hauptrolle spielt und dieser Jemand dann auch noch massives Lobbying betreibt, dann kann ich ihm die Liebe zur Demokratie nicht so ganz abnehmen. Und damit der für mich zentrale Punkt:

Ich kann egomanischen Lobbyisten nicht vertrauen, egal ob bei der CDU oder bei der Piratenpartei. Daher kann ich den Themen die sie vertreten nicht vertrauen. Deswegen kann ich Liquid Feedback nicht vertrauen. Ein System, dem ich nicht vertrauen kann, weil ich den Befürwortern nicht vertrauen kann, kann für mich kein Mittel der direkten Demokratie darstellen.

... mit der heißen Nadel gestrickte Mechanismen zu installieren. Politik des blinden Aktionismus zu verfolgen.

Die Piratenpartei ist angetreten Sachpolitik zu machen. Sie fordert von den etablierten Parteien und der Regierung keine populistischen Entscheidungen zu treffen, sondern erst Fachleute anzuhören. Sie fordert keine populistischen, überhasteten Gesetze zu schaffen (man denke nur an Lex Florida-Rolf), sondern sich erst genug Kompetenzen anzueignen und zu prüfen ob ein Gesetz überhaupt in dieser Form nützlich und sinnvoll ist.
Wenn ich dann höre, dass man für Änderungen an den Nutzungs- und Datenschutzbedingungen erst wieder zum Anwalt/Notar müsste und das ja soviel Geld kosten würde und wir müssen deswegen eben mal mit einer schlechten Variante leben ... Ich meine... höre ich da wirklich recht? Ist das meine Partei oder bin ich hier grade im Bierzelt der CSU gelandet? In der Ecke der Totschlagargumente? ("Bringt Arbeitsplätze ...")

... eine Transparenz-Diktatur zu etablieren.

Wir müssen uns hier an unseren eigenen Forderungen messen lassen. Wenn wir Parteiintern Datenschutz nicht ernst nehmen - bei konsequenter Transparenz der Funktionsträger - wie können wir dann allen Ernstes die Einhaltung von Datenschutzrichtlinien ausserhalb der Partei fordern. Wir können nicht für freie und geheime Wahlen einstehen, wenn wir es unseren Mitgliedern nicht ermöglichen bei Abstimmungen gesichert anonym zu bleiben. Wir haben unser Programm verfehlt, wenn wir Mitglieder verlieren oder Mitglieder verstummen, weil eventuell der Chef oder auch nur der Freundeskreis herausfinden kann, wie er abgestimmt hat. Wir müssen den Wunsch nach Datensicherheit doppelt und dreifach so ernst nehmen, wie jede andere Partei. Wir dürfen uns keine Schlampereien erlauben, nur weil wir unbedingt unser liebstes Kind über Nacht durchdrücken wollen.
So wie ich das sehe, beschädigt Liquid Feedback unseren Ruf, der durch einige unschöne Ereignisse der Vergangenheit ohnehin nicht der Beste ist.

... Mobbing, Bedrohungen, Beleidigungen, Ignoranz, Lagerbildung.

Von dem Ausmaß des Mobbings, gegenseitiger Beleidigungen und Kritikunfähigkeit das ich in der letzten Zeit beobachtet habe, bin ich maßlos enttäuscht. Das ist nicht die Art Politik die ich machen will. Das ist nicht einmal die Art Menschen mit denen ich zu tun haben will. Nicht durch Liquid Feedback direkt, aber durch die Ereignisse um den Aufbau, die Vorgehensweise des LF-Teams, extremer Befürworter und auch des Hauptprotagonisten Christoph Lauer, sehe ich die Werte für die ich eintreten möchte - die ich als Werte der Piratenpartei wahrnehme - verraten.


Posted by Mela Eckenfels

08/19/2010 at 17:23:26

3749 hits
Last modified on 2010-08-23 14:34


0 Trackbacks to Liquid Größenwahn

Trackback specific URI for this entry

  1. No Trackbacks

21 Comments to Liquid Größenwahn

  1. DANKE für diese offenen Worte.

    Leider ist derzeit auch Hamburg von Befindlichkeiten und Größenwahn eingenommen.

    Es kann und darf nicht sein, dass der Gedanke an eine bessere Demokratie von Einzelnen/Wenigen missbraucht und pervertiert wird, nur weil das Ego ein wenig Politur braucht.

    Reizzentrum

    19 Aug 10 at 18:10

    Reply

  2. Hallo Mela,

    Ich muss Dir in vielen Punkten recht geben. das LQFB-Team hat enorm viel Porzellan zerschlagen. Das ist sehr schade.

    Dennoch sollte man zwischen den Menschen und dem Produkt (LQFB) unterscheiden. Oder anders gesagt: Nur weil der Prozess der Einführung daneben war heist es nicht, das auch das Tool schlecht ist.

    Was die Transparenz/Datenschutz Debatte angeht: Ich finde es gut, das sie geführt wird. Es war meiner Meinung nach lange überfällig, das wir das Thema für uns aufarbeiten.
    Das die Diskussion von einigen Personen mit einer unschönen Härte geführt wird ist natürlich bedauerlich. Ich würde mir da mehr Ruhe und Sachlichkeit wünschen.


    Und abschließend @Reizzentrum: Das eine Sitzung abgesagt werden muss, weil die Vorsitzende keine Zeit hatt. Ja, sowas kann wirklich mal passieren. Wir alle sind nur Menschen und manchmal gibt es im Leben einfach Dinge, die wichtiger sind als eine Vorstandssitzung.

    Wenn jetzt nicht seit heute morgen unglaubliches passiert ist, dann würde ich sagen, das außer Dir keiner einen Skandal darin sieht.. Denk mal an die Straße voller Geisterfahrer :-)

    Nils

    19 Aug 10 at 18:46

    Reply

  3. Kennst Du den Schriftwechsel? "Rücktritt ist nicht gültig, weil Vorsitzende nicht anwesend war" "Klage beim Bundesvorstand" etc. pp.

    Wenn dieses Laienspieltheater einer Landesvorsitzenden von dir legitimiert wird, solltest Du dich nochmal in die Mailingsliste einlesen. Da lebt jemand völlig ausserhalb der Realität, was harmlos wäre, wenn diese Person kein Amt bekleiden würde.

    Reizzentrum

    19 Aug 10 at 20:05

    Reply

  4. Klar sollte man unterscheiden, aber Liquid Feedback ist für mich 'verbrannt'.

    Wer einen Dienst wie LF aufbaut und betreiben will, dessen Integrität muß über jeden Zweifel erhaben sein. Das LF-Team ist nur über den Zweifel erhaben Integrität in erkennbarem Ausmaß zu besitzen.

    Liquid Feedback wird als erster großer Fail unseren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, in die Geschichte der Piratenpartei eingehen.

    Es ist das erste Auftreten innerparteilichen Lobbyismus. Zumindest das erste, das aufgefallen ist.

    Mela

    19 Aug 10 at 21:11

    Reply

  5. Du unterliegst da einem Trugschluß, auch die Grünen traten damals mit für jene Zeit revolutionären Gedanken an und setzten diese in die Tat um. Auch ein Plus mehr an Freiheit, um alte Strukturen aufzubrechen. Man darf sich nicht selbst überschätzen und muß die Dinge im damaligen Kontext betrachten. Letztendlich interessierte es jedoch keinen Menschen und die politische Breitenwirkung blieb aus. Die Piraten versteifen sich zu sehr auf die Methodik und lassen die Inhalte missen. Solange sich die Menschen nicht ändern, wird damit nur der Gaul von hinten aufgezäumt und folglich stranguliert.

    Die Hiebe gegen die kleinen Grünen, werden euch nicht helfen. Um die Fehler eines Systems ausmerzen zu können, muß man es zuerst verstehen.

    Oliver

    19 Aug 10 at 19:19

    Reply

  6. Lass mir doch die kleinen Freuden ;-)
    Da kam in den letzten Monaten genug 'ans Schienbein pinkeln' durch diverse Grünen-Vertreter, da ist so eine kleine Spitze doch mal erlaubt.

    Mela

    19 Aug 10 at 20:51

    Reply

  7. "Solange sich die Menschen nicht ändern, wird damit nur der Gaul von hinten aufgezäumt und folglich stranguliert."

    Der Punkt ist der: Die Menschen lassen sich nicht ändern.

    Torsten Fehre

    20 Aug 10 at 16:45

    Reply

  8. Hat man LQFB nicht deswegen durchgedrückt, weil man sich für die bisherigen Parteitage geschämt hat?

    Von Außen hatte man den Eindruck einen Haufen Nomic-Spieler bei ihren GO-Anträgen zu beobachten. Wenn ein Tool hilft das etwas abzuschwächen, greift man nach jedem Strohhalm.

    Stefan Scholl

    20 Aug 10 at 05:40

    Reply

  9. Wer ist 'man' und wie rechtfertigt das die noch größere Liquid Feedback-Peinlichkeit?

    Mela

    20 Aug 10 at 12:22

    Reply

  10. "Man" = die paar Leute, die auf dem Parteitag für LQFB gestimmt haben. Sind ja nicht gezwungen worden.

    Und peinlich ist, wie man hinterher dagegen vorgegangen ist. Siehe auch die ganzen Rücktritte überall in den Vorständen. Teilweise ohne Angaben von Gründen, teilweise wird LQFB genannt.

    Es sollten sich alle erst einmal beruhigen und abwarten wie sich die Sache entwickelt. Vielleicht ist es bis zur Bundestagswahl komplett vergessen, weil man mit technischen Mitteln versucht ein soziales Problem zu lösen. Sollten gerade wir langjährigen Netzleute kennen.

    Stefan Scholl

    20 Aug 10 at 18:50

    Reply

  11. Ja, gern hofft man, dass Vorgänge wie Obige im Laufe der Zeit in Vergessenheit geraten.

    Reizzentrum

    20 Aug 10 at 18:58

    Reply

  12. Danke für Deinen guten und nachvollziehbaren Text.

    Diese Installation dieses #liquid schadet unserer Piratenpartei mehr als es ihr nutzen kann.

    Es ist bedauerlich mitzuerleben, wie eine Partei die gegen die Vorratsdatenspeicherung und gegen den Überwachungsstaat angetreten nun ihrerseits ein System zur Gesinnungsüberwachung unterhält.

    Andena

    20 Aug 10 at 20:56

    Reply

  13. Und die Mitgliederdatenbank ist auch ein System zur Gesinnungsüberwachung.

    HILFE! ICH BIN GESPEICHERT!!

    Stefan Scholl

    20 Aug 10 at 21:54

    Reply

  14. Wenn all deine Entscheidungen und Meinungen in der Mitgliederdatenbank gespeichert sein würden, wäre das tatsächlich ein massiver Verstoss gegen alle Datenschutzgesetze.

    Trollst Du hier bewusst, oder glaubst Du den Schmarren den Du schreibst selbst?

    Reizzentrum

    20 Aug 10 at 21:59

    Reply

  15. Polemik ist genau in diesem Punkt extrem unangebracht.

    Mela

    21 Aug 10 at 00:47

    Reply

  16. Hm,

    das ist alles ein wenig Schwierig. Zum Glück habe ich die Grabenkämpfe nicht mitbekommen. Es würde allerdings Liquid Democracy nicht umgesetzt würde ich mich wohl mittelfristig aus der Partei verabschieden.
    Meine Positionierung ist allerdings, das in einem gewissen Rahmen im politischen Transparenz wichtiger ist als Datenschutz, deshalb poste ich auch schon seit einiger Zeit unter meinem echten Namen.
    Was genau ist eigentlich das Problem? Dass es keine anonymen Abstimmungen gibt oder, dass dass Ergebnis zulange auf Vorrat gespeichert wird?
    Eine Datenschutz-Diktatur ist wohl genau so wenig erstrebenswert wie eine Transparenz-Diktatur, oder?

    Soweit ich weiß, kann man bei einem Anonymen technischen Wahlsystem nicht ausreichend einfach zeigen, dass die Auszählungen nicht Manipuliert wurden. Um die Sicherheit zu garantieren muss man halt Transparenz fordern. Andernfalls man hat ein Datengeschützes System, bei dem mindestens für nicht Fachleute nicht mehr ersichtlich ist, ob und wann eine Wahlmanipulation vorliegt.

    ... ich habe eventuell grade eine Idee für so ein System. Ich denke mal weiter nach!

    Eike Scholz

    20 Aug 10 at 22:40

    Reply

  17. "Meine Positionierung ist allerdings, das in einem gewissen Rahmen im politischen Transparenz wichtiger ist als Datenschutz, deshalb poste ich auch schon seit einiger Zeit unter meinem echten Namen."

    Das ist aber eine Entscheidung die man ausschließlich für sich selbst treffen kann. Treffen sie andere für einen, ist es Unrecht und Überwachung.

    Eike, ich vermute du hast meinen Artikel nicht ganz gelesen. Ich sage deutlich, dass nicht Liquid Feedback das Problem ist, sondern die Ereignisse die zu Liquid Feedback geführt haben.
    Lobbyismus, Egomanie, blinder Aktionismus, Basta-Politik, Ignoranz gegenüber sachlicher Kritik, Beleidigungen, Mobbing, Drohungen, Lagerbildung, Totschlagargumente ...

    Mela

    21 Aug 10 at 00:53

    Reply

  18. Mela,

    ich habe dein Post gelesen. Allerdings, gab es, da ich unterbrochen wurde, zwischen dem Lesen und meinem Post einen größeren Zeitabstand.

    Na, dann kann ich wohl froh sein, dass ich den "Shitstorm" verpasst habe, so etwas nervt mich eh nur.

    Eike Scholz

    21 Aug 10 at 13:26

    Reply

  19. @Elke Was ist eine Datenschutz-Diktatur? Diktatur und Schutz des Individuums widersprechen sich ganz grundsätzlich.

    Heiko

    21 Aug 10 at 22:44

    Reply

  20. @Heiko

    das ist ein Wortspiel im Bezug auf die Transparenz-Diktatur von Mela. Datenschutz als Begriff ist nicht auf Individen eingeschränkt.
    Transparenz und Diktatur wiedersprechen sich auch - darauf wollte ich mit dem Wortspiel aufmerksam machen!

    Eike Scholz

    23 Aug 10 at 14:33

    Reply

  21. Transparenz-Diktatur ist schon alleine deshalb angebracht, weil die Forderung nach Transparenz für Alle auch Menschen einschliesst die das vieleicht nicht wollen oder deshalb dann nicht teilnehmen werden.
    Datenschutz-Diktatur ist schon alleine deshalb Schwachsinn, weil die Forderung Datenschutz für alle zu ermöglichen nicht die Transparenz von Einzelpersonen ausschliesst.

    Setzen sich der Datenschutz durch, kann jeder selbst entscheiden was er will, setzt sich die Transparenz durch gibt's nur Teilnahme oder nicht...

    Gruß,
    Justus

    Justus

    28 Aug 10 at 17:45

    Reply

Add Comment

E-Mail addresses will not be displayed and will only be used for E-Mail notifications.

To prevent automated Bots from commentspamming, please enter the string you see in the image below in the appropriate input box. Your comment will only be submitted if the strings match. Please ensure that your browser supports and accepts cookies, or your comment cannot be verified correctly.
CAPTCHA

Enclosing asterisks marks text as bold (*word*), underscore are made via _word_.
Standard emoticons like :-) and ;-) are converted to images.